Töchter narzisstischer Mütter

Beziehungen

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Das Auwachsen mit einer narzisstischen Mutter hinterlässt oft Spuren in Beziehungen, die die erwachsenen Töchter in ihrem Leben haben. Während sie ideale Opfer für Mobbing am Arbeitsplatz oder in der Schule sind, besteht zudem die Gefahr, dass sie in ihren romantischen Beziehungen Narzissten anziehen. In einer romantischen Beziehung zu einem Narzissten wiederholt die Tochter die Muster, mit denen sie aufgewachsen ist.

Im Folgenden gehe ich fast ausschließlich darauf ein, wie sich das Aufwachsen mit einer narzisstischen Mutter auf Töchter in der Rolle des Sündenbock auswirken kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass du, lieber Leser, in dieser Rolle aufgewachsen bist, ist bedeutend größer als die Möglichkeit, das „goldene“ Kind gewesen zu sein.

Töchter, die in der Rolle des Sündenbocks aufgewachsen sind, haben ihr gesamtes Leben gehört, dass sie nicht gut genug sind und nie gut genug sein werden. Dass sich dies massiv auf alle Beziehungen, die diese Frauen im Erwachsenenalter eingehen, auswirkt, ist wahrscheinlich. Die Nachricht, nur dafür geliebt zu werden, was man tut, nicht dafür, wer man ist, hat oft zu einer verzerrten Vorstellung davon geführt, was Liebe bedeutet. Beziehungen auf dem Muster von Abhängigkeit sind bei Töchtern narzisstischer Mütter keine Seltenheit. Eine Tochter, die einen hochgradig leistungsorientierten Weg eingeschlagen hat, mag sich einen Partner suchen, für den sie da sein kann und dessen Wünsche sie, wie sie es schon bei der Mutter getan hat, von den Augen ablesen kann. Eine selbstsabotierende Tochter könnte sich zu einem Partner angezogen fühlen, der sich um sie kümmert und ihr einen Mutterersatz bietet. In beiden Fällen ist nicht von einer gesunden, ausgeglichenen Beziehung von Geben und Nehmen zu sprechen, sondern von intrinsischen Abhängigkeitsverhältnissen.

Wie bei den meisten Opfern von Missbrauch geht die Misshandlung in die Körpersprache, Mimik, Gestik und gesamte Ausstrahlung ein. Es kann sein, dass eine erwachsene Tochter, ohne sich dessen bewusst zu sein, förmlich danach schreit, wieder und wieder in die Rolle des Schuldigen oder Problematischen gedrängt zu werden. Sie ist das ideale Opfer für Mobbing in der Schule oder am Arbeitsplatz. Sie wird sich wieder und wieder fragen, was sie falsch macht und womit sie dies verdient hat, ohne sehen zu können, dass eine jahrelange Prägung ihre Folgen hinterlassen hat.

Frauen mit narzisstischen Müttern sind fast immer Meister darin, die Emotionen anderer sofort und korrekt lesen zu können. Beim Aufwachsen waren sie darauf angewiesen, sich auf die manchmal nur kleinen Veränderungen im Gesicht oder der Stimme der Mutter einzustellen. Sie sind oft empathisch, (wenn auch meist die Empathie ihnen selbst gegenüber fehlt) und versuchen, es allen anderen Recht zu machen. Häufig stellen sie dabei ihre eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund, um Harmonie zu bewahren und aus Angst angegriffen, verletzt oder verlassen zu werden. Gewöhnlich sind Töchter, die mit narzisstischer Mutter aufwachsen, überdurchschnittlich tolerant gegenüber extremen Gefühlsschwankungen und -ausbrüchen.

Wir versuchen meist, die Beziehungen zu unseren Eltern in den Partnerschaften, die wir im Erwachsenenalter wählen, zu verstehen und zu lösen. Wir suchen das, was wir kennen. Wir suchen die Situationen, die wir als Kinder “geübt” haben und in denen wir uns sicher fühlen.
Wenn wir missbraucht werden - besonders wenn dies häufiger geschieht, erschaffen wir uns Reaktionsmuster auf diesen Missbrauch. Auch wenn diese Reaktionen kompensatorisch oder distanzschaffend sind und nicht unbedingt als angenehm oder positiv wahrgenommen werden, geben sie eine Form von Sicherheit und Stärke. Wir kennen die Situation und haben sie “geübt”, unsere Reaktion - auch wenn nicht wirklich angenehm - ist vertraut, stabil und verlässlich. Es überrascht so nicht, dass sich viele Töchter narzisstischer Mütter in Beziehungen mit Narzissten wiederfinden. Die Muster sind bekannt, die Reaktionen geübt.

Vielleicht finden sie ja bei diesem Mann die Lösung, wie sie nicht nur ihn, sondern auch die narzisstische Mutter erreichen können.
Sie haben nie etwas anderes kennengelernt und sind sich oft nicht einmal darüber im Klaren, dass viele verbale Missbrauchs-Aussagen überhaupt solche sind. Sie sind es gewohnt zu lieben, ohne zurückgeliebt zu werden.
Sie nehmen an, dass sie es verdient haben, schlecht behandelt zu werden und dass der Fehler bei ihnen liegt.
Gleichzeitig sind sie ideale Opfer für Narzissten und werden oft auch als solche wahrgenommen, die Wahrscheinlichkeit, dass eine Beziehung oder Freundschaft mit einem Narzissten entsteht ist dementsprechend hoch.
In einer Beziehung mit einem narzisstischen Partner wird dieser die Angst vor dem Verlassen, nicht gut genug zu sein und den Wunsch, es allen Recht zu machen, aufs äußerste ausnutzen.

Natürlich haben nicht alle betroffenen Frauen Beziehungen zu Narzissten. Das Verlangen, endlich geliebt zu werden und all das zu bekommen, was in der Kindheit gefehlt hat - Vertrauen, Unterstützung, Wertschätzung, Bestärkung, Nähe, Empathie - sind eine starke Antriebskraft, einen Partner zu suchen, der dies bieten kann. Zudem sind die Töchter narzisstischer Mütter selbst meist empathisch, sorgen sich und kümmern sich um andere und wollen, dass sich andere mit ihnen wohlfühlen und sie mögen.

 

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