In der deutschen Sprache gibt es kein Wort, welches dem englischen Wort "Anxiety" (Aussprache hier) entspricht. Schaut man im Wörterbuch nach einer Übersetzung findet man eine ganze Sammlung von Vorschlägen, jedoch keinen Überbegriff, der dieses Unwohlsein treffend beschreibt.
Unter Anxiety findet man im Wörterbuch folgende Begriffe:

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Angst, im Vergleich zu Anxiety, das Gefühl, was wir zum Beispiel dann spüren würden, wenn wir im Laden an der Ecke stehen und plötzlich ein Mann mit schwarzer Sturmhaube ins Geschäft gerannt kommt und eine Waffe zieht.
Menschen fühlen Angst, wenn sie mit einer bestimmten Sache, Person oder Situation unmittelbar konfrontiert sind, die entweder gefährlich ist oder die sie als gefährlich wahrnehmen. Bei akuter Gefahr, wenn wir Angst haben, aktiviert unser Körper die sogenannte "Fight-Flight-Freeze" Reaktion (Kampf, Flucht, Erstarren). Anxiety hingegen ist ein dauerhafter Zustand und, anders als Angst, auf die Zukunft bzw. eine mögliche Zukunft gerichtet.

Die Unruhe und Beklommenheit einer Anxiety spüren wir dann, wenn wir beispielsweise um drei in der Früh aufwachen und unsere kreisenden Gedanken es nicht erlauben, in den Schlaf zurückzufinden.

Viele Menschen beschreiben Anxiety, wenn sie zum Beispiel ein konfliktreiches Gespräch auf sich zukommen sehen und sagen, dass sie sich deshalb "gestresst" fühlen. Andere übertreiben, indem sie erzählen, dass sie "die totale Panik" bekommen haben, als der Babysitter 15 Minuten zu spät kam.
Anxiety ist Stress und Unruhe, die wir fühlen, wenn wir uns hilflos vorkommen. Sie ist das Gefühl, das wir haben, wenn wir etwas tun wollen (bzw. uns einreden, dass wir etwas tun sollten), aber gleichzeitig einer andere innere Stimme sagt, dass dies viel zu gefährlich wäre. Anxiety ist das Gefühl eingesperrt zu sein oder in einer Zwickmühle zu stecken. Sie macht uns das Einschlafen schwer und lässt uns in aller Früh wach werden, weil das Gequassel im Kopf einfach keine Ruhe gibt.

 

Wie fühlt sich Anxiety an?

 Wir nehmen Anxiety folgendermaßen wahr, zum Beispiel als:

  • etwas vor dem es einem graut
  • Ruhelosigkeit und Nervosität, Hyperaktivität
  • Unruhe
  • Anspannung und Reizbarkeit
  • Frustration und Ungeduld
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Verbissenheit
  • Ängstlichkeit
  • ein scheinbar grundloses Gefühl von Gefahr
  • Frustration

 

Physisch macht sich der Körper für Gefahr bereit, so zeigt sich Anxiety im Körper zum Beispiel durch:

  • beschleunigten Atem und Herzschlag
    Der Körper macht sich für eine Gefahr bereit und versorgt alle wichtigen Organe und Muskeln mit Blut und Sauerstoff.
  • Druck oder Schmerzen in der Brust
    Die Muskeln spannen sich im Körper an und machen ihn bereit für Kampf, Flucht oder Erstarren. Nicht nur Muskeln in der Brust, sondern auch im Nacken, den Schultern, Beinen usw. können unter Gefahr stark angespannt sein.
  • Schwitzen
    Schwitzen hilft dem Körper, sich abzukühlen.
  • Schwindel, Benommenheit und Kribbeln im Körper, kalte Hände und Füße
    Da der Körper Blut in alle wichtigen Organe und Muskeln sendet, kann es dazu kommen, dass etwas weniger Blut im Gehirn zur Verfügung steht, was Schwindel auslösen kann. Die beschleunigte Atmung kann zudem zu Hyperventilation führen, welche wiederum zu Schwindel und Benommenheit führen kann. Kribbeln taucht zum Beispiel in den Fingern auf, wenn Blut von diesen weniger wichtigen Regionen in die Arme fließt.
  • Übelkeit, Bauchschmerzen, Durchfall
    In gefährlichen Situationen verzichtet der Körper auf "unwichtige" Prozesse wie beispielsweise die Verdauung, dementsprechend kann sich Anxiety auf den Magen auswirken oder sogar zu Durchfall führen.
  • Tunnelblick und ein Gefühl der Unwirklichkeit
    Bei Gefahr weiten sich die Pupillen, um nichts zu übersehen. Das kann zu einem befremdlichen Gefühl führen.

Bei diesen Auflistungen(1,2) erstaunt es nicht, dass die Mehrzahl der Menschen alles tun was sie können, um ihre Anxiety nicht spüren zu müssen. Aber warum fühlen wir Anxiety?

 

Der Nutzen von Anxiety

Das Gefühl von Anxiety ist – wie alle unsere Emotionen– dazu da, uns Informationen zu geben und uns beim Überleben zu helfen.
Man könnte sagen, dass Anxiety (wie auch die anderen Emotionen) ein Kommunikations-Werkzeug unserer Psyche ist.
Um im Alltag funktionieren zu können, laufen viele unserer Prozesse unbewusst ab und wir verarbeiten Informationen automatisch, ohne es zu bemerken. Oft muss jedoch unser Unterbewusstsein mit uns in Kontakt treten, um uns beispielsweise zu motivieren oder vor Gefahr zu warnen. Dies tut es, indem es uns Emotionen sendet. Wir erhalten auf diesem Wege, in Form von Emotionen, komprimierte Informationen über ähnlichen Situationen oder Menschen aus unserem Erfahrungsschatz.
Ein unruhiges Gefühl kann uns auf dieser Weise den Rat geben, vielleicht doch nicht spontan unseren Job zu kündigen, um uns als Schmuckdesigner zu verwirklichen oder wir "bekommen kalte Füße" und kriegen ein "komisches Gefühl im Bauch", das uns sagt, dass wir vielleicht doch noch nicht mit dem neuen Partner zusammenziehen sollten.
Anxiety zu spüren bedeutet natürlich nicht, dass wir vor allem was uns ängstigt oder unruhig macht davon laufen sollten, im Gegenteil. Viele Menschen sind beispielsweise unruhig auf dem Weg zum Zahnarzt, bevor sie den Chef nach einer Gehaltserhöhung fragen oder wenn sie sich zum Traualtar aufmachen.
Unruhe kann uns beispielsweise auch helfen, zu fokussieren. Wenn Anxiety, die wir spüren einen optimalen Mittelwert erreicht, hilft sie uns etwa bei Prüfungen oder Bewerbungsgesprächen, unsere beste Leistung zu erbringen.(3) Besonders auch im Sport ist Anxiety hilfreich, um uns zu Bestleistungen zu treiben.(4)

 

Der Retter in uns

Unsere Psyche ist geradezu davon besessen, uns zu beschützen und uns in Sicherheit zu bringen. Wenn wir, beispielsweise als Kinder, immer wieder in den Zustand von erhöhter Wachsamkeit (also den aktivierten fight-flight-freeze-Zustand) gebracht wurden, dann wurde unsere Psyche darauf trainiert, sehr sensibel auf Anzeichen von möglicher Gefahr zu reagieren.(5) Unser Unterbewusstsein erwartet Gefahr immer dann, wenn eine Situation, ein Gegenstand oder eine Person uns an eine Gefahrensituation in unserer Kindheit erinnert. Tatsächlich ändert emotionaler Stress die Funktionsweise des Gehirns.(6)
Was in der Fachliteratur als "Störung" bezeichnet wird, ist in der Tat ursprünglich ein hochwirksamer, sinnvoller Schutzmechanismus unserer Psyche.
Problematisch ist es jedoch, wenn unser Unterbewusstes uns retten möchte, wenn gar keine tatsächliche Gefahr besteht.(7)
Damit unsere Emotionen uns wirksam helfen und unterstützen können, müssen wir erst herausfinden, was ihr Ursprung ist und ob dieser in der Gegenwart oder in der Vergangenheit liegt.

Nehmen wir zum Beispiel Frank:
Frank wuchs mit einer narzisstischen Mutter auf, die zu Wutanfällen neigte und oftmals nicht nur laut wurde, sondern auf dem Gipfel ihrer Wut mit Dingen warf oder Gegenständ von Tisch und Regalen fegte.
Den kleinen, schmächtigen Jungen versetzte dies natürlich in große Angst, die er mit allen Mitteln vor seiner Mutter, aber auch vor sich selbst zu verstecken versuchte.
Heute ist Frank 34 Jahre alt und seit 5 Jahren mit Anne verheiratet. Eigentlich verstehen die beiden sich gut. Anne zeigt keine offensichtlichen Ähnlichkeiten mit Franks Mutter und sie streiten sich selten. Manchmal, wie in jeder Beziehung, kommt es jedoch vor, dass Anne sich über etwas ärgert, was Frank sagt. Dann werden ihre Lippen ganz dünn und Frank sieht Annes Gesicht zu einer Maske werden. Frank fühlt sich dann wie gelähmt, sein Herz und seine Gedanken rasen, seine Hände werden eiskalt und beginnen zu schwitzen.
Dann sagt Frank gar nichts mehr und schaut nur leer vor sich hin.
Anne, die jedoch nicht sehen kann, was in Frank vor sich geht, fühlt sich ignoriert und wird deshalb wütend und lauter. Frank zieht sich noch mehr in sich zurück und Anne fühlt sich noch stärker abgelehnt, bis die Situation eskaliert.

Franks Reaktion hat nicht direkt etwas mit Anne zu tun. Annes Ärger "triggert" in Frank, ohne dass er sich darüber bewusst ist, Erinnerungen daran, wie beängstigend und gefährlich die Wut seiner Mutter für ihn war. Sein Unterbewusstsein versucht alles, was es nur kann, um Frank zu warnen und vor der scheinbaren Gefahr zu schützen. Sobald Anne auch nur die geringsten Anzeichen von Ärger gegen ihn zeigt, schlägt Franks Unterbewusstsein Alarm.
Sein Unterbewusstsein entscheidet für ihn, basierend darauf, was in der Vergangenheit funktionierte, dass Frank dann die größten Überlebenschancen hat, wenn er erstarrt. Als kleiner Junge hatte Frank weder die Möglichkeit zu fliehen, noch seine Mutter zu bekämpfen. Erstarren und die Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen war das Einzige was er tun konnte.
Da sich Frank seine Ängste nie bewusst gemacht hat, sondern ihnen stattdessen so gut es eben ging aus dem Weg ging, erscheint ihm seine eigene Reaktion automatisch und als habe er keine Kontrolle.
Wie wir in den folgenden Teilen sehen werden, ist Frank seinen Impulsen jedoch nicht hilflos ausgeliefert.

Anxiety ist ein großes Thema, deshalb habe ich mich entschieden, den Beitrag in drei Teilen zu posten. Im zweiten Teil werde ich davon sprechen, auf welche Arten Menschen ihrer Anxiety aus dem Weg gehen und welche schwerwiegenden Folgen dies haben kann. Im dritten Teil wird es darum gehen, wie man Lösungen finden kann, um produktiv und heilend mit dem Problem "Anxiety" umzugehen.

 

 

(1) Clark, David A.S. 2012. "Anxiety and Worry Workbook" New York, USA, S. 16-18
(2) http://www.nytimes.com/health/guides/symptoms/stress-and-anxiety/the-body%27s-response.html; abgerufen: März 2016;
(3) Keeley, J., R. Zayac, and C. Correia. 2008. “Curvilinear Relationships Between Statistics Anxiety and Performance Among Undergraduate Students: Evidence for Optimal Anxiety.” Statistics Education Research Journal 7: 4–15.
(4) Raglin, J. S., and P. E. Turner. 1993. “Anxiety and Performance in Track and Field Athletes: A Comparison of the Inverted-U Hypothesis with Zone of Optimal Function Theory.” Personality and Individual Differences 14: 163–71.
(5) Helm, C.,Nemeroff C.B.: "The role of childhood trauma in the neurobiology of mood and anxiety disorders: preclinical and clinical studies". Biol Psychiatry. 2001 Jun 15;49(12):1023-39
(6) Louisiana State University Health Sciences Center. "Emotional stress can change brain function." ScienceDaily. ScienceDaily, 12 January 2011.
(7) Smith Psy. D., Shawn T.: 2011. "The User's Guide to the Human Mind - Why our Brains make us unhappy, anxious and neurotic and what we can do about it." CA, USA, S. 30-32