Im ersten Teil habe ich davon gesprochen, was Anxiety ist, wie sie sich anfühlt und welchen Nutzen sie hat. In diesem Teil werde ich darüber sprechen, wie Menschen ihr aus dem Weg gehen und welche Folgen dies hat.

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Wenn wir uns selbst ignorieren

Erwachsene, die als Kinder in Familien aufgewachsen sind, in denen ihre Gefühle nicht wertgeschätzt wurden, entwickeln im Normalfall nicht die Fähigkeit, ihre eigenen Gefühle und körperlichen Reaktionen zu lesen, zu verstehen und einzuordnen.
Noch schlimmer ist es, wenn sie als Kinder bestraft, beschämt oder abgelehnt wurden, wenn sie beispielsweise Wut, Trauer oder Angst zeigten. Kinder ziehen sich zurück und beginnen ihre Gefühle vor der Welt und vor sich selbst zu verstecken, wenn sie beispielsweise regelmäßig mit Kommentaren wie folgenden konfrontiert werden:

  • Sei doch nicht immer so empfindlich!
  • Stell dich nicht so an!
  • Jetzt reg dich nicht so künstlich auf!
  • Ach, musst du nun wieder Krokodilstränen drücken?!
  • Hast du mal wieder einen Trotzanfall?
  • Heulsuse!
  • Hör auf zu weinen, sonst geb ich dir was zum Weinen!
  • Mach mal halblang!
  • Immer musst du dich so anstellen!
  • Es gibt doch gar keinen Grund, traurig zu sein!
  • Hör auf, so ein Tamtam zu machen, sonst sperr ich dich ein dein Zimmer!

Kinder, die in einer Familie aufwachsen, in der sie selbst in ihrer Gesamtheit nicht ernst genommen und respektiert werden, verlieren ihre ganz natürliche Verbindung zu ihren Gefühlen. Sie lernen stattdessen, dass „negative“ Gefühle wie Angst, Trauer und besonders Wut nicht akzeptabel sind und vermieden werden müssen.
Dass die sogenannten negativen Emotionen Wut, Trauer und Angst aber wichtig, gesund und notwendig sind, wird übersehen und ignoriert.

Als Erwachsene sind die meisten Menschen von einer Vielzahl ihrer Emotionen abgetrennt und sich oftmals nicht bewusst, was eigentlich in ihnen vorgeht. Anxiety ist eines der Gefühle, die ein Großteil der Bevölkerung nicht recht zu identifizieren weiß.
Viele Menschen wissen nicht einmal, dass sie Angst vor bestimmten Dingen haben und dass das Unruhegefühl, welches sie spüren mit diesen Ängsten in Verbindung steht. So stehen hinter Anxiety oft Ängste vor Ablehnung, Kritik und Konflikt aber auch vor Intimität und Nähe.
Tatsächlich sind Angststörungen (englisch: Anxiety Disorders) in Deutschland die häufigste Störung bei Frauen (noch vor Depression!) und die zweithäufigste bei Männern. So leiden ca. 25% der Bevölkerung wenigstens einmal in ihrem Leben unter einer Angststörung.
Auch in den USA sind "Anxiety Disorders" mit 40 Millionen Betroffenen die häufigste psychische Erkrankung.(1,2,3)

Wie wir bereits gesehen haben, ist Anxiety ein höchst unangenehmer Zustand, so dass es nicht überrascht, dass die meisten Menschen nach Wegen suchen, dem Geplapper im Kopf, der Unruhe und der Anspannung aus dem Weg zu gehen. Der Versuch allerdings, diese Gefühle und Gedanken mit aller Gewalt zu kontrollieren und zu unterdrücken, macht es meist nur schlimmer.
Mittlerweile weiß man, dass der Versuch, die eigenen Gedanken zu unterdrücken, nicht funktioniert. Das Gegenteil ist der Fall, wie mehrere Studien belegen. In einer Studie etwa wurde eine Gruppe von Versuchspersonen angewiesen nicht an einen weißen Bären zu denken. Das Resultat war, dass diese Gruppe wesentlich häufiger an den weißen Bären dachte, als die zweite Vergleichsgruppe, die im Gegensatz aufgefordert worden war, an besagten weißen Bären zu denken.(4)
So, wie es auch bei Zwangsstörungen der Fall ist, wird das Grübeln und die sich ständig wiederholenden, kreisenden Gedanken verstärkt, wenn man versucht sie zu unterdrücken.(5) Hinzukommt, dass es passieren kann, dass sich ein Kreislauf bildet, bei dem versucht wird, die Anxiety zu verdrängen, bis bereits der Gedanke an Anxiety einen Anxiety-Zustand auslöst.

 

Alles - nur nicht fühlen

Da Verdrängung - wie wir gesehen haben - auf lange Zeit hin nicht funktioniert, flüchten sich Menschen in Alkohol, Computerspiele, Einkaufen, Essen, Drogen, Arbeit, Facebook, ständig wechselnde Beziehungen, Sex und vieles mehr. Frauen nörgeln an ihren Ehemännern und Kindern herum, stressen, kontrollieren oder machen sie zum  Sündenbock.
Für eine kurze Zeit scheinen diese Verhaltensweisen auch zu funktionieren und ein Ausweg zu sein. Die Emotionen, Gedanken und Erinnerungen, vor denen man sich zu verstecken versucht, kommen jedoch stärker zurück und holen einen ein.(6)

Neben den oben genannten Ablenkungen entwickeln Menschen außerdem auch andere Abwehrmechanismen, um dem unangenehmen Gefühl aus dem Weg zu gehen. Besonders problematisch ist bei diesen Abwehrmechanismen, dass der Betroffene sie nicht nur an sich selbst, sondern auch so gut wie immer an der Umgebung, den eigenen Kindern und dem Partner auslebt.

Die folgende Auflistung gibt einige Beispiele für Abwehrmechanismen, stellt jedoch nur einen Bruchteil der Möglichkeiten dar.

 

Abwehrmechanismus

Beschreibung

Beispiel
Verleugnung

Beim Verleugnen tut der Betreffende so, als existiere ein unangenehmes Gefühl, Ereignis oder ein Gedanke nicht. Das Verleugnen ist einer der primitivsten Abwehrmechanismen und ist für die frühe Kindheit typisch.

Ein Erwachsener, der sagt, er sei als Kind von den Eltern geschlagen worden, jedoch im Brustton der Überzeugung erklärt, er habe sich damals weder gefürchtet, noch habe es ihm in irgendeiner Form geschadet.
Regression Ein Zurückfallen in kindliche Verhaltensmuster. Ein Mann, der sein Mobiltelefon auf der Straße zerschmettert, weil er sich am Telefon mit seiner Partnerin gestritten hat.
"Acting Out" Statt eine Emotion zu fühlen und zu bewältigen, wird sie an anderer Stelle, durch ein extremes Verhalten ausgelebt (Auch Autoaggression/Selbstverletzung fällt in diesen Bereich). Im Streit wirft eine Ehefrau ein Glas gegen die Wand; Ein junges Mädchen ritzt sich nach einem Streit mit einer Rasierklinge in den Arm.
Projektion Die eigenen Eigenschaften, Gefühle, Impulse oder Intentionen werden einer anderen Person zugeschrieben. Eine Frau wirft ihrem Mann vor, dass er ihr nie zuhört, auch wenn sie diejenige ist, die ihm nie mehr als einige Minuten Aufmerksamkeit schenkt.
Reaktionsbildung Um Impulse und Gefühle zu verdecken, werden sie ins Gegenteil gekehrt. Ein Mann, der sich seine eigene Homosexualität nicht eingestehen möchte, wettert statt dessen gegen Homosexuelle.
Verschiebung Sind Gedanken, Gefühle und Impulse gefährlich genug, um eine Beziehung zu gefährden, werden sie in einen anderen Bereich verschoben. (Mögliche Entstehung von Phobien und Fetischen) Eine Mutter ärgert sich über ihren Mann, schweigt aber und schimpft stattdessen mit ihrem Kind.
Rationalisierung Beim Rationalisieren wird ein Fokus auf Fakten und Rationalität gelegt, während Emotionen außen vor gelassen werden. (Rationale Erklärungen werden den emotionalen vorgezogen.) Eine Frau hört ihrem Ehemann nicht zu, er sagt sich, dass Frauen grundsätzlich keine guten Zuhörer sind.
Sublimation Das Umlenken von ungewollten Gefühlen, Impulsen und Gedanken in solche, die leichter zu akzeptieren sind. Statt Frustration, Ärger und Trauer über die Behandlung durch seine Mutter zu spüren, wird ein Sohn zum Komödianten und macht Scherze darüber.
Intellektualisierung Der Versuch, Emotionen auf Logik, abstraktes Denken und Generalisierungen zu reduzieren. Ein Mann macht während seiner Scheidung detaillierte Pläne, wie er seine Junggesellenbude einrichten wird, statt sich mit seinen Emotionen auseinanderzusetzen.
Abwertung/Idealisierung Sich selbst oder andere mit negativen Eigenschaften belegen bzw. nur positive Eigenschaften sehen wollen. Eine Frau kommentiert, dass die andere Frau das Kleid nur trage, um sich wichtig zu machen.
/ Mein Vater ist der beste Mensch der Welt!

Häufig scheint es auf den ersten Blick, dass Menschen ein problemloses, ruhiges, glückliches Leben führen. Erst wenn man ein wenig genauer hinschaut und sich selbst ein wenig sensibler macht, bemerkt man, wie viel Energie, Zeit und Kraft Menschen überall um uns herum aufwenden, um vor sich selbst wegzulaufen.
Manchmal dauert es Jahre, sogar Jahrzehnte, bis die Fassade zu bröckeln beginnt und sich offensichtlichere Probleme zeigen. Studien belegen mittlerweile, dass Folgen von Traumata sich oftmals erst nach langen Zeiten wirklich deutlich zeigen. Missbrauch in der Kindheit beispielsweise verändert unter anderem die Stressverarbeitung des Körpers, mit der Folge, dass sich die Symptome oft erst im Erwachsenenalter zeigen.(7) Irgendwann schaffen Körper und Geist es nicht mehr, das Erlebte zu verdrängen und die Betroffenen fallen in Depressionen, entwickeln Angststörungen, leiden unter körperlichen (oft ernsten) Problemen.(8)
In der Tat zeigen Studien mehr und mehr, dass viele Krankheiten, mit denen Menschen erst im Erwachsenenalter zu kämpfen haben, die Folgen von hohem Stress in der Kindheit sind. Lang anhaltender und wiederholter Stress in der Kindheit wirkt sich negativ auf das Immunsystem aus und erhöht das Risiko für:  

 

  • Entzündungen im Körper
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Virushepatitis
  • Asthma und Lungenerkrankungen
  • Autoimmunkrankheiten(9)
  • Diabetes
  • Schlaganfälle(10)
  • Krebs(11) uvm.

 

Ganz besonders tragisch ist es jedoch, dass die Auswirkungen von Missbrauch in der Kindheit nicht nur das Missbrauchsopfer betreffen, sondern dass der Missbrauch, wenn er nicht intensiv aufgearbeitet wird, direkt an die nächste Generation weitergegeben wird. Betrachtet man beispielsweise die Liste der Abwehrmechanismen, kann man bereits erahnen, wie diese transgenerationale Weitergabe zustande kommen kann.

Im dritten und letzten Teil werde ich darauf zu sprechen kommen, wie man beginnen kann, produktiver mit seiner Anxiety umzugehen.

 

 

(1) http://de.statista.com/statistik/daten/studie/182616/umfrage/haeufigkeit-von-angststoerungen/
(2) http://www.panikattacken.at/angst-daten/angst-daten.htm
(3) Kessler RC, Chiu WT, Demler O, Walters EE. Prevalence, severity, and comorbidity of twelve-month DSM-IV disorders in the National Comorbidity Survey Replication (NCS-R). Archives of General Psychiatry, 2005 Jun;62(6):617-27.
(4) Wegner, D. M., D. J. Schneider, S. R. Carter, and T. L. White.: “Paradoxical Effects of Thought Suppression.” Journal of Personality and Social Psychology. 1987 53: 5–13.
(5) Purdon, C., K. Rowa, and M. M. Antony.:“Thought Suppression and Its Effects on Thought Frequency, Appraisal, and Mood State in Individuals with Obsessive-Compulsive Disorder.” Behaviour Research and Therapy 2005. 43: 93–108.
(6) Smith Psy. D., Shawn T.: "The User's Guide to the Human Mind - Why our Brains make us unhappy, anxious and neurotic and what we can do about it." CA, USA, S. 36
(7) Heim C, Nemeroff CB. The role of childhood trauma in the neurobiology of mood and anxiety disorders: preclinical and clinical studies. Biol Psychiatry. 2001;49:1023–1039.
(8) McFarlane, A.C.: "The long-term costs of traumatic stress: intertwined physical and psychological consequences". World Psychiatry. Feb 2010; 9(1): 3–10.
(9) Shonkoff JP, Garner AS; et al.:"The lifelong effects of early childhood adversity and toxic stress."Pediatrics. 2012 Jan;129(1):e232-46. doi: 10.1542/peds.2011-2663. Epub 2011 Dec 26.
(10) McEwen, B. S. (2008). Central effects of stress hormones in health and disease: Understanding the protective and damaging effects of stress and stress mediators. European Journal of Pharmacology, 583(2-3), 174-185.

(11) Morton, Patricia., Schafer, Markus. and Ferraro, Kenneth. "Does Childhood Misfortune Increase Cancer Risk in Adulthood?" Paper presented at the annual meeting of the American Sociological Association Annual Meeting, Caesar's Palace, Las Vegas, NV, Aug 19, 2011