Die NPS

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Die narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) ist in zwei medizinischen Klassifizierungssystemen zu finden, dem europäischen ICD-10 und dem amerikanschen DSM-IV. Um offiziel mit einer NPS diagnostiziert zu werden müssen 5 von 9 Merkmalen des DSM-IV erfüllt werden. Zu diesen Merkmalen gehören: grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit, Fantasien von grenzenlosem Erfolg, der Glaube besonders zu sein und sich nur mit einzigartigen Menschen umgeben zu wollen, Benötigung von Bewunderung, hohes Anspruchsdenken, ausbeuterisch gegenüber anderen Menschen zu sein, Mangel an Empathie, Neid auf andere, Arroganz.
Eine NPS bleibt häufig unerkannt, da die Merkmale im Alltag schwierig zu deuten sind.


Was ist eine Persönlichkeitsstörung?

Um zu verstehen was eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist und wie diese sich auswirkt, ist es sinnvoll zu klären, was mit dem Wort Persönlichkeitsstörung gemeint ist. Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung haben bestimmte Interaktionsmuster und Wesenszüge, die sich vom Rest der Bevölkerung wesentlich unterscheiden. Diese Merkmale sind beständig über die Jahre und ändern sich nur wenig oder gar nicht, sie sind stabil und zeigen sich in verschiedenen Situationen.

Eine Persönlichkeitsstörung wirkt sich aus auf:

  • Wahrnehmung, also das Verstehen und Interpretieren von Situationen
  • Denkstrukturen
  • Selbstkontrolle und Impulsivität (wie angemessen reagiere ich auf Außenreize?)
  • Zwischenmenschliche Beziehungen
  • Gefühle und Affektivität (Art, Anzahl, Intensität und Angemessenheit von Gefühlszuständen)

Eine Persönlichkeitsstörung ist eine übersteigerte Form von “normalen” Eigenschaften und wird nur als solche beschrieben, wenn sie den Menschen selbst oder die Menschen in seiner Umgebung negativ beeinträchtigt. Es gibt also einen bedeutenden Unterschied zwischen jemandem der “narzisstisch” ist, also einer “narzisstisch gestörten Persönlichkeit” und einem Menschen mit “narzisstischer Persönlichkeitsstörung”.
Es gibt zur Zeit zwei unterschiedliche Klassifizierungssysteme für Persönlichkeitsstörungen, ein europäisches, den ICD-10 (International Classification of Diseases) und ein amerikanisches, das DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders).

 
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS)

Im europäischen ICD-10 wird die NPS nur im Anhang genauer charaktisiert und ist sonst nur unter der Rubrik “Andere spezifische NPS” (F 60.8) aufgeführt. Im amerikanischen DSM-IV wird sie genauer beschrieben und ist im Cluster B unter der “launisch, undefineddramatisch, emotionalen” Kategorie eingeordnet. Der DSM-IV beschreibt einen Menschen mit NPS als jemanden, der mindestens 5 der 9 der folgenden Merkmale erfüllt:

  1. hat ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit (übertreibt Leistungen und Talente, erwartet ohne entsprechende Leistungen zu erbringen, als überlegen anerkannt zu werden)
  2. ist stark eingenommen von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Brillianz, Schönheit oder idealer Liebe
  3. glaubt von sich “besonders” und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder hochgestellten Menschen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder mit diesen verkehren zu müssen
  4. benötigt exzessive Bewunderung
  5. hat ein überhöhtes Anspruchsdenken, d.h. hat übertriebene Erwartungen auf eine besonders günstige Behandlung oder ein automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen
  6. ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, d.h. nutzt andere Menschen aus, um die eigenen Ziele zu erreichen
  7. zeigt einen Mangel an Empathie (Mitgefühl): ist nicht bereit, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen bzw. anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren
  8. ist häufig neidisch auf andere oder glaubt andere seien neidisch auf ihn bzw. sie
  9. zeigt arrogante, hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten

Das klingt sehr technisch und es kann sehr schwierig sein, diese Merkmale mit Alltagssituationen in Zusammenhang zu bringen. Überdies wird man kaum eine ehrliche Antwort bekommen, wenn man einen Menschen mit NPS nach seinen heimlichen, grandiosen Fantasien befragt.
Man könnte zusammenfassen:

Wer an NPS leidet, ist jemand mit übersteigertem Ego (in Wirklichkeit kompensiert er sein sehr geringes Selbstwertgefühl), der auf besondere Behandlung besteht und ein erhöhtes Anspruchsdenken an den Tag legt. Diese Person zeigt mangelnde Empathiefähigkeit und hat einen unerschöpflichen Bedarf an Aufmerksamkeit. Sie muß immer im Mittelpunkt stehen.

Es ist nicht einfach, diese Merkmale auf der Grundlage eigener Erfahrungen und Alltagssituationen zu sehen. Daher ist es nicht auszuschließen, dass Kinder oder Partner von Narzissten diese Störung übersehen und nicht realisieren, womit sie es zu tun haben.
Vor allem die fehlende Empathie und das schier unersättliche Bedürfnis nach Aufmerksamkeit des narzisstischen Menschen finden im Alltag nicht die ihnen eigentlich zustehende Beachtung und werden als solche nicht oder fehlinterpretiert.
Zum Weiterlesen über dieses Problem gibt es eine Stichwortliste mit Beispielen aus dem Alltag mit einer narzisstischen Mutter unter der Rubrik: Hat deine Mutter eine NPS? Eine detailliertere Beschreibung über das Leben als Tochter eine narzisstischen Mutter findet sich unter: Eigenschaften narzisstischer Mütter.

Jeder Mensch hat narzisstische Züge, was auch vollkommen richtig und gesund ist. Schwierig wird es wenn diese massiv und in extrem übersteigerter Form vorliegen. Der Ausprägungsgrad von Narzissmus stellt ein stufenloses Spektrum dar. Eine grobe Unterscheidung könnte so aussehen:

  • gesunder, natürlicher Narzissmus, der in selbsbewußten, motivierten Menschen gefunden werden kann
  • narzisstische Wesenszüge in ansonsten normalen, gesunden Menschen
  • eine ausgewachsene narzisstische Persönlichkeisstörung
  • bösartiger Narzissmus (die extreme Form der narzisstischen Persönlichkeitsstörung)


Ich werde auf den folgenden Seiten den Begriff “Narzisst” und “Narzissmus” mit NPS gleichstellen und nicht weiter begrifflich unterscheiden.