Heilen

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Die Erkenntnis der NPS der Mutter ist der erste Schritt, sich aus den eigenen destruktiven Lebensmustern zu befreien und vom Missbrauch in der Kindheit zu heilen. An diesem Punkt kommt es häufig vor, dass man sich Informationen beschafft und über die Störung zu lernen versucht. Unterstützung bei der Verabeitung der eigenen Geschichte ist meist sehr hilfreich, wobei darauf geachtet werden sollte, dass die Menschen, mit denen die eigene Geschichte besprochen werden soll, vertrauenswürdig und empathisch sind. An den eigenen Überzeugungen zu arbeiten, ist ein langer Prozess, der jedoch befreiend, bereichernd und erlösend ist.

Wenn du vom Auto angefahren worden bist, ist es erst einmal egal, ob mit dem Fahrer etwas nicht stimmte. Das Wichtigste ist, dass die Wunde versorgt wird. Die Frage, ob der Fahrer nicht ganz bei Sinnen war, ist für den Heilungsprozess an sich zweitrangig. Im Zentrum stehen die Verletzungen und die notwendige Versorgung und Heilung dieser. Um zu heilen, brauchst du den Fahrer des Autos nicht. Du brauchst weder mit ihm zu sprechen, noch seine Unterstützung oder Entschuldigung.

Das Heilen von emotionalen Wunden, die durch narzisstischen Missbrauch entstanden sind, betrifft in erster Linie das Opfer, nicht den Missbraucher.

Der Weg, vom Erkennen der Persönlichkeitsstörung der Mutter, hin zu den ersten Schritten der Heilung, ist bei vielen Töchtern ähnlich. Dem Problem endlich einen Namen geben zu können, wird oft von Euphorie und Erleichterung begleitet. Plötzlich fügt sich alles zusammen und ergibt einen Sinn! Im weiteren Prozess kommt es oft zu Wut und Schmerz, während konkrete Erinnerungen zur Oberfläche kommen. Es ist hilfreich, an diesem Punkt mit anderen Missbrauchsopfern, Freunden, einem Therapeuten oder sonstigen Vertrauenspersonen zu sprechen bzw. ein Notiz- oder Tagebuch zu führen, um leichter mit den Emotionen und Erinnerungen arbeiten zu können. Gefolgt wird diese Flut von Wut oft von Trauer und Schwermut über das Fehlen einer gesunden Mutter und über all die Bösartigkeiten die dem kindlichen Selbst zugefügt wurden. Währende diese Schritte in einem Zeitraum von wenigen Wochen bis Monaten durchlaufen werden können, braucht es oft eine bedeutend längere Zeit, bis das Gefühl der Befreiung erreicht wird. Dieser letzte Schritt hat meist damit zu tun, wie der Kontakt zur Mutter gehandhabt wird, ob sie bereits verstorben ist, ob die Tochter bereits eigene Kinder hat, die in Kontakt mit der narzisstischen Mutter stehen und viele andere Faktoren. Die Arbeit am eigenen Leben, wird mit der Erkenntnis der narzisstischen Persönlichkeitsstörung der Mutter in Gang gesetzt. Der Weg der Heilung ist ein bereichernder jedoch auch sehr individueller. Während viele Verhaltensmuster, mangelndes Selbstwertgefühl und Kompensationshandlungen bei vielen Opfern von Narzissten ähnlich sind, so ist es doch eine persönliche Entscheidung, an welchem Bereich zu erst bzw. am intensivsten gearbeitet werden sollte.

Töchter, die ihre Geschichte begreifen haben zudem die Chance, der Weitergabe des Missbrauchs von Generation zu Generation ein Ende zu setzen.

 

Informationen suchen

Die NPS wirkt sich oft auf ähnliche Weise auf den Narzissten wie auch auf dessen Umgebung und Kinder aus. Töchter narzisstischer Mütter teilen somit oft eine große Menge an Erfahrungen, Leid und Wunden. Das Wissen um diese Persönlichkeitsstörung kann somit eine große Hilfe sein zu erkennen, was im eigenen Leben falsch lief und läuft und somit eine Heilung erleichtern.
So gut wie immer suchen Töchter narzisstischer Mütter nach dem Problem bei sich selbst. Das ist, was sie ihr ganzes Leben lang zu hören bekommen haben: „Du bist so schwierig!”; „Du bist so kompliziert!”; „Du reagierst immer so überempfindlich!”
Dieses Suchen nach Fehlern bei sich selbst kann entmutigend und frustrierend sein, da die Antwort oft schwer zu finden ist und leicht Fehldiagnosen gestellt werden können.
Beispielsweise haben Töchter narzisstischer Mütter häufig selbst narzisstisch anmutende Verhaltensmuster oder Reaktionen (Flöhe), die durch das Aufwachsen mit einer Narzisstin entstanden sind, aber nicht Teil ihrer eigenen Persönlichkeit und somit änderbar sind. Oft leiden die Töchter unter Depressionen, Essstörungen, Beziehungsproblemen, Burnout, Suchtverhalten usw. Das sind alles Punkte, die leicht missdeutet werden können und da sie den Kern des Problems nicht anfassen, keine befriedigende, langfristige Heilung versprechen.

Das Verständnis der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist hilfreich, um einen besseren Einblick in die Beziehung zur Mutter, die Familienstruktur, aber auch auf die eigenen Wunden und Verhaltensmuster zu gewinnen. Nur das, über das wir Bescheid wissen, können wir zu heilen bzw. zu ändern versuchen.


Missbrauch sehen und verstehen lernen

Die Wunden von Töchtern narzisstischer Mütter sind fast immer für die Umgebung unsichtbar und narzisstischer Missbrauch bleibt oft nicht nur von der Umgebung, sondern auch vom Opfer selbst unerkannt. Wer in einer dysfunktionalen Familie aufwächst und keine Vergleichsmöglichkeit hat, wird es schwer haben, die Verantwortung für die bösartige und unfaire Behandlung nicht bei sich selbst zu suchen, sondern auf eine Persönlichkeitsstörung der Mutter zurückführen.
Zudem wird emotionaler Missbrauch auch heute noch eher leichtfertig abgetan als andere Formen von Missbrauch, obwohl dieser sowohl sexuellem als auch physischem Missbrauch unterliegt und immense Schäden verursacht. („Stöcke und Stecken können Knochen brechen, aber Worte tun mir nicht weh.”)
Es ist auch für ein erwachsenes Kind einer nicht liebenden Mutter nicht leicht zu sehen, dass es keine Schuld für das Unrecht trägt, was ihm angetan wurde. Es ist nicht einfach zu begreifen, dass die eigene Mutter einen nicht liebt und nie geliebt hat und dabei die Schuld nicht bei sich selbst zu suchen. Dies gilt besonders dann, wenn einem die Schuld an fast allem seit Kindertagen gegeben wurde.
Bei der Beschäftigung mit Missbrauch und im Austausch mit anderen Missbrauchsopfern kommt es zudem häufig dazu, dass Töchter narzisstischer Mütter versuchen, die Schwere der Misshandlungen zu vergleichen und dabei die eigenen Erfahrungen zu minimieren versuchen. („So schlimm wie X ging es mir in meiner Kindheit aber nicht!”) Leiden zu vergleichen ist jedoch weder möglich, noch weiterführend.

Hilfreich gemeinte Ratschläge wie „Jetzt denk doch mal positiv!” oder „Leb nicht in der Vergangenheit, sondern freu dich auf deine Zukunft!”; „Jammern hilft dir jetzt auch nicht!” usw. untergraben zudem den Heilungsprozess, da immer wieder vermieden wird, zum wirklichen Kern des Problems vorzudringen. Auch wenn „positives Denken” kurzweilig Erleichterung verschaffen kann, so löst es weder Probleme, noch verhilft es zu echtem Selbstbewusstsein und einem authentischen Selbst.

Besonders schwierig ist es, Menschen in der eigenen Umgebung von narzisstischem Missbrauch zu berichten und ihnen zu erklären, dass die Mutter, auch wenn sie nach außen hin fürsorglich und bemüht erscheint, hinter geschlossenen Türen eine andere Seite zeigt. Häufig werden Töchter narzisstischer Mütter mit Aussagen konfrontiert wie etwas „Das hat sie sicherlich nicht so gemeint!”; „Das kann ich mir gar nicht vorstellen!” und „Das hast du sicherlich falsch verstanden!”
Diese Verleugnung ist erstaunlich, würde doch niemand zu einem Vergewaltigungsopfer sagen: „Das kann ich mir gar nicht vorstellen, warum würde er so etwas denn tun?”
Sich vorzustellen, dass Menschen Böses tun, fällt nicht schwer. Wenn es jedoch um eine Mutter geht, die ihrem Kind wissentlich und wiederholt auf sadistische Weise Schmerz zufügt, zeigen sich Zweifel und Verdrängung bei vielen Menschen. Gerade das nach außen aufrecht erhaltene perfekte Bild, welches eine Narzisstin erschafft, kommt ihr dann zugute, wenn ihr Opfer anfängt vom Missbrauch zu berichten.

 

Unterstützung

Töchter narzisstischer Mütter haben oft selten wirkliche Empathie innerhalb der Familie entgegengebracht bekommen. Zum Verstehen der eigenen Geschichte ist es von großer Hilfe, wenn Menschen mit Empathie, Verständnis und offenen Ohren zugegen sind, die beim Heilungsprozess unterstützen können. Ein Therapeut, enge, vertraute Freunde oder ein liebender Partner etwa können eine große Stütze sein und helfen, die durchlebten Traumata in die Realität zu bringen.
Die eigene Geschichte zu erzählen, Situationen zu schildern und Erfahrungen zu beschreiben ist an sich bereits häufig erleichternd; im Falle von Töchtern narzisstischer Mütter kommt zudem hinzu, dass es Töchtern oft schwerfällt, beurteilen zu können, was „normal” und was „missbrauchend” war. Wir kennen meist nur die Familie, in der wir aufgewachsen sind und betrachten große Teile unserer Kindheit als selbstverständlich, ganz einfach, weil es uns an Vergleichsmöglichkeiten fehlt. Das Entsetzen über eine geschilderte Situation im Gesicht eines empathischen Freundes lesen zu können, hilft häufig den eigenen Schmerz zu begreifen und anzuerkennen.
Auch das Führen eines Notiz- oder Tagebuchs kann hier hilfreich sein. Erlebnisse in geschriebener Form vor sich zu sehen und dabei mit Abstand auf sie schauen zu können, macht es oft einfacher, die Ungerechtigkeit, Verzweiflung und Verletzung aufzuarbeiten.


Das eigene Selbstbild und die eigenen Überzeugungen

Eine der Herausforderungen, die sich Töchtern narzisstischer Mütter stellt, ist die Reflexion über die eigenen Überzeugungen, Werte und das Selbstbild, was eine spannende, bereichernde aber auch erschreckende Erfahrung sein kann.
Unser eigenes, unbewusstes Selbstbild spiegelt sich direkt in unseren Handlungen wieder - in den Beziehungen, die wir wählen, den Berufen, die wir ergreifen, den Hobbies, die wir uns suchen usw.

In Beziehungen etwa suchen wir häufig Menschen, die unsere Überzeugungen teilen, vielleicht suchen wir Freunde, die wie wir selbst den Missbrauch unserer Kindheit leugnen, vielleicht suchen wir Partner, die glauben, sie seien besser als wir, wichtiger als wir - haben wir ein geringes Selbstbewusstsein, teilen wir auch hier ihre Überzeugung. Vielleicht lassen wir uns von unserem Chef niedermachen, da wir die Überzeugung teilen, dass die Schuld immer bei uns selbst liegt.
Diese Muster lassen sich nur dadurch brechen, dass sie erkannt werden und das Selbstbild hinterfragt wird.

Gesagt bekommen zu haben, man sei wertlos, bedeutet nicht, dass dies auch so ist. Diese Nachricht basiert auf dem Urteil eine persönlichkeitsgestörten Mutter und muss hinterfragt werden. Schwierig kann es hierbei sein, die eigenen Urteile von den durch die Mutter eingeimpften zu unterscheiden. In vielen Bereichen werden sich ähnliche Fragen über die eigenen Überzeugungen bzw. die projizierten Überzeugungen stellen.
Aussagen sind dann verletzend für uns, wenn sie mit unserem Selbstbild übereinstimmen oder dieses überschneiden. Viele dieser Anschauungen über uns selbst sind uns nicht bewusst. Sie kommen jedoch immer dann subtil zum Vorschein, wenn uns abfällige Bemerkungen anderer tief verletzen. Töchter narzisstischer Mütter fühlen sich beispielsweise häufig tief getroffen, wenn ihnen vorgeworfen wird, sie seien egoistisch oder selbstsüchtig. Die ständige Wiederholung dieses Vorwurfes aus Kindertagen hat sich so stark mit dem Selbstbild vermischt, dass die Sorge so selbstsüchtig wie die Mutter zu sein, große Furcht und Scham hervorruft.
Es ist von größter Bedeutung für die eigene Identität, die Nachrichten aus Kindertagen auszugraben und zu hinterfragen, die unbewussten Anschauungen zu sehen und die eigenen Werte schätzen zu lernen.