Narzisstische Zufuhr

Lesezeit ca. 6,5 min
Narzissten haben einen unerschöpflichen Bedarf an Aufmerksamkeit. Sie werden versuchen Menschen als Quelle narzisstischer Zufuhr zu nutzen um von ihnen wenn möglich positive Aufmerksamkeit zu erhalten, und wenn dies nicht möglich ist, auch negative. Bevorzugt werden Menschen die schwächer sind (geringes Selbstbewußtsein haben, Kinder, Alte, Kranke oder Menschen in niedrigeren Positionen als der Narzisst). Macht auszuüben ist dabei das maßgebliche Interesse des Narzissten.

Häufig werden Narzissten als „emotionale Vampire” beschrieben. Der narzisstische Drang, sich an Gefühlen und Aufmerksamkeit anderer zu laben und dies gegen den Willen des Opfers, einem Raubtier gleich, zu tun, wird in dieser Formulierung besonders gut deutlich.

Ein Kind, das in einer gesunden, liebenden Umgebung aufwächst und die Chance erhält, ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen, wird sich zwar über Aufmerksamkeit, Lob und Anerkennung freuen, aber dank seines Selbstbewusstseins nicht rein auf Bestärkung von außen angewiesen sein. Anders ist es bei Menschen mit NPS. Wie ein Alkoholiker auf den Konsum von Alkohol angewiesen ist, um sich wohl zu fühlen, benötigen Narzissten eine ständige äußere Quelle von Aufmerksamkeit, Bewunderung und Wertschätzung. Ihr gesamtes Selbst baut auf äußeren Quellen und nicht, wie es sein sollte, auf einem gesunden Selbstverständnis auf.

Ein Narzisst wird das ganze Leben aufbauen, indem er die Menschen in seiner Umgebung als Quellen narzisstischer Zufuhr benutzt und sich an ihrer Aufmerksamkeit und ihren Gefühlen labt. Die narzisstische Zufuhr erstreckt sich dabei von positiven Gefühlen wie Aufmerksamkeit, Lob und Respekt zu materiellen Gesten, Geschenken, Einladungen, sexuellen Eroberungen etc. zu negativen Gefühlen wie Angst, Schuld und Scham, die andere gegenüber dem Narzissten fühlen.
Während Anerkennung und Lob von Narzissten meist bevorzugt werden, ist die Notwendigkeit, narzisstische Zufuhr zu erhalten, so stark, dass so gut wie jede Art von Aufmerksamkeit gut genug ist. Es wird gedroht, geflucht, geängstigt, geweint, gelitten und geschluchzt, um andere Menschen „anzuzapfen”. Das Gefühl jedoch, das Narzissten am meisten schätzen, ist Macht. Nichts entspricht ihrer Vorstellung von Grandiosität so sehr, wie die Kontrolle zu haben und Macht über andere ausüben zu können. (Das haben Narzissten im Übrigen mit Soziopathen und Psychopathen gemein.) Um dieses Gefühl wie bei jeder anderen Sucht wieder und wieder erleben, setzen Narzissten viel daran, ihr Opfer in der Nähe zu behalten und ihren Missbrauch zu dosieren. Ein Narzisst versucht häufig, seinem Opfer die Glaubwürdigkeit zu nehmen, es vor anderen schlecht machen, es von anderen zu isolieren oder ähnlich manipulative Handlungen, um die narzisstische Zufuhr auf längere Sicht beizubehalten.

Besonders gut geeignet, als Quelle narzisstischer Zufuhr zu dienen, sind Menschen mit geringem Selbstwertgefühl, Menschen in schwächeren Positionen, Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, sich der Narzisstin zu entziehen und nicht zu vergessen Kinder.
Besonders in den ersten Jahren ihres Lebens bieten Kinder die perfekte Quelle für narzisstische Zufuhr. Kinder sehen zu ihrer Mutter auf, wollen gefallen und alles richtig machen.
Das Kind fungiert ähnlich wie ein lebendes Antidepressivum, indem die Mutter ständig ihre emotionalen Bedürfnisse durch das Kind und auf Kosten des Kindes stillt.

In den meisten Fällen „lieben” Narzissten Kinder, da sie in ihnen eine einfache, konstante Quelle von Aufmerksamkeit und Bestätigung finden. Manchmal kann jedoch auch das Gegenteil der Fall sein, nämlich dann, wenn ein Narzisst Kinder als „Bedrohung” ansieht und sich in der Position findet, mit ihnen in Wettbewerb um Aufmerksamkeit zu treten.undefined

Da sich Narzissten besonders an Machtgefühlen und Aufmerksamkeit ergötzen, ist es für sie in vielen Fällen nicht notwendig, physische Gewalt über andere auszuüben. Sie brauchen das Risiko der Entdeckung nicht einzugehen, um von ihrem Überlegenheitsgefühl beim Missbrauch anderer stimuliert zu werden. Ganz allein durch emotionale Gemeinheiten können sie ihre narzisstische Quelle anzapfen, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen. Jemanden zu quälen und dadurch Genugtuung zu erfahren ist sadistisch. Normale, gesunde Menschen hören auf, wenn sie bemerken, dass ihr Gegenüber verletzt ist. Narzissten kosten dies aus und genießen die Macht, die sie dabei spüren.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der innere Zwang eines Narzissten, dass alle Macht, Aufmerksamkeit, jedes Lob und jede Wertschätzung ihm gelten muss. Wir alle kennen das Gefühl, wenn wir ungerecht behandelt werden. Wir erfahren eine Mischung von Frustration, Hilflosigkeit, Machtlosigkeit, Wut, Traurigkeit und Enttäuschung. Dies ist kein angenehmes Gefühl. Ein Mensch mit NPS hat dieses Gefühl jedes Mal, wenn jemand anders in seiner Umgebung, Anerkennung, Lob, Aufmerksamkeit o.ä. erfährt. Welch Ungerechtigkeit, dass jemand anders (wenn auch nur für Minuten) im Mittelpunkt steht, wo doch der Narzisst derjenige ist, der dies verdient hätte!
Dies treibt Narzissten noch verstärkter dazu, „Rache” auszuüben und andere zu missbrauchen. Sie erfahren Macht, Aufmerksamkeit und narzisstische Zufuhr und sehen es als gerechtfertigt an, dass andere dafür bestraft werden, ihnen etwas gestohlen zu haben. Die Unfähigkeit, andere Menschen als eigenständige Persönlichkeiten wahrzunehmen, sondern viel eher Objekte narzisstischer Zufuhr in ihnen zu sehen erleichtert dies zusätzlich.

Während Narzissten nach Aufmerksamkeit dürsten, zeigen sie wenig Interesse für die Menschen um sie. Wenn sie nicht glauben, zu einem späteren Zeitpunkt davon profitieren zu können, zeigen sie in der Regel kein echtes Interesse für andere Menschen, auch nicht für den Partner oder die eigenen Kinder. So zeigen narzisstische Mütter gewöhnlich kein wirkliches Interesse an Themen, die wichtig für ihre Kinder sind. Sie können oftmals selbst einfache Fragen über die eigene Tochter nicht beantworten - welche Musik liebt die Tochter, welche Bücher mag sie, zu welchem Thema hat die Tochter eine Diplomarbeit geschrieben? usw. Interesse ist nur dann wichtig, wenn die Informationen später eingesetzt werden können, um narzisstische Zufuhr zu erhalten - sei es, indem sie gegen die Tochter verwendet werden oder vor anderen - Außenstehenden - etwa um anzugeben oder den Märtyrer zu spielen.

Wird die Narzisstin von ihrer narzisstischen Zufuhr abgeschnitten, ist ihre Reaktion vergleichbar mit der eines Drogenabhängigen, der seine Sucht nicht befriedigen kann. Während häufig Depressionen einsetzen, die sich auf die Ess-und Schlafgewohnheiten der Narzisstin auswirken, staut sich häufig eine Woge von narzisstischer Wut und Aggression bei ihr an.
Sie reagiert unfreundlich, schlecht gelaunt, gemein und feindselig. Häufig kommt es vor, dass sie sich zurückzieht und dem Fehlen von narzisstischer Zufuhr mit einer Art von rebellischem Rückzug von ihrer Seite aus, entgegentritt.
Es kann vorkommen, dass ein Mensch mit NPS von Selbstmordgedanken gequält wird, wobei sich so gut wie kein Narzisst tatsächlich das Leben nimmt. Das Kommunizieren von Selbstmordgedanken wird von Narzissten, ähnlich wie andere selbstzerstörerischen Verhaltensweisen, als letzte Möglichkeit eingesetzt, narzisstische Zufuhr zu erhalten. Auch psychotische Episoden und Paranoia können in extremen Fällen beim Verlust von narzisstischer Zufuhr entstehen.

Die Notwendigkeit für Narzissten, ständig narzisstische Zufuhr erhalten zu müssen, kann sich auch in der Berufswahl widerspiegeln. Besonders häufig finden sich Menschen mit NPS im Umgang mit Kindern, Kranken und Alten, in führenden Positionen und Menschen übergeordnet, die sie herumkommandieren können oder in vielen Fällen im öffentlichen Leben stehend.