Wie entsteht Narzissmus?

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Die Bindung zum primären Ansprechpartner in den ersten Lebensjahren wirkt sich massiv auf die weitere Entwicklung aus. Eine Mutter, die aus unterschiedlichen Gründen (Krankheit, Depression, schwierige Lebenssituation oder Persönlichkeitsstörung) nicht in der Lage ist die emotionalen Bedürfnisse ihres Kindes zu erfüllen und ihm nicht ausreichend Aufmerksamkeit schenkt bzw. schenken kann, läuft Gefahr, eine NPS zu fördern. Auch Kinder, die übertrieben umsorgt und verhätschelt werden erfahren zumeist keine Unterstützung wenn es um ihre Sorgen und Ängste geht. Das hochgelobte, verwöhnte Kind hat wie das Ignorierte nie gelernt mit den eigenen Emotionen umzugehen, sondern diese nur von außen erfahren. Beide Kinder erhielten so zu wenig Aufmerksamkeit. Dieses Defizit wird in manchen Fällen vom Kind durch die Erschaffung eines übergroßen “Superman-Ichs” kompensiert, welches über die Jahre zur Verleugnung des authentischen Selbst und zur Bildung einer Persönlichkeitsstörung führen kann.

Die Frage, warum manche Menschen eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickeln, kann bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher beantwortet werden.
Während eine gewisse genetische Disposition vorhanden sein mag, deutet vieles darauf hin, dass die ersten Jahre der Kindheit die ausschlaggebende Rolle dabei spielen, ob ein Mensch eine NPS entwickelt. Es gibt kein Gen für eine narzisstische Störung und niemand wird damit geboren. Wenn von genetischen Faktoren gesprochen wird, so ist zumeist von epigenetische Ursachen die Rede. Dies bedeutet, dass es möglich ist, das manche Kinder empfindsamer auf Missbrauch reagieren als andere.
Mit Hilfe von Hirnforschung und dem Einsatz von Gehirntomographien ist es festzustellen, dass das Gehirn von Menschen mit Borderline- bzw. Antisozialer Persönlichkeitsstörung (beides Persönlichkeitsstörungen, die im selben Cluster B wie NPS zu finden sind) deutliche Unterschiede zu gesunden Gehirnen aufweist. Es gibt bislang jedoch keinerlei Hinweise darauf, dass diese Gehirnveränderungen bereits vor negativen Umwelteinflüssen vorhanden waren.
Auch die Häufung von NPS innerhalb von Familien könnte sowohl auf epigenetische als auch auf weitergegebene Erziehungsstile und Familienstrukturen hinweisen. Wahrscheinlich ist eine genetische Prädisposition, die nur dann zum Tragen kommt, wenn die Umgebung sich sehr ungünstig auf das heranwachsende Kind auswirkt.

Kindheit und Jugend

Ein wichtiger Aspekt der Entstehung einer NPS scheint in jedem Fall in der Kindheit und frühen Jugend eines Menschens zu finden zu sein.
Es muss sich dabei nicht immer um massiven, klar erkennbaren Missbrauch handeln, der diese Folgen auf das Kind hat. Auch Kinder narzisstischer Eltern stehen so gut wie immer vor dem Problem, dass ihr Missbrauch ungesehen und unverstanden bleibt, da es sich häufig nicht um massive körperliche oder sexuelle Misshandlungen handelt.
Wer mit Opfern spricht, die sowohl körperlichen (oder sexuellen) Missbrauch als auch emotionalen (psychologischen) Missbrauch erleiden mussten, wird hören, dass letzterer sich wesentlich schadvoller und längerfristiger auf das weitere Leben auswirkt. Der psychologische Aspekt bei körperlicher Misshandlung ist im Normalfall das, was besonders destruktive Folgen für das weitere Leben dieser Person verursacht. Während körperliche Verletzungen verheilen, bleibt der Geist beschädigt, was etwa zu posttraumatischer Belastungsstörung, Depression, Suchtverhalten und diversen anderen psychologischen Problemen und Leiden führen kann. So können emotionale Misshandlung, Vernachlässigung bzw. die Verhinderung der Entwicklung einer eigenen Identität beim Kind, Faktoren darstellen, die eine narzisstische Persönlichkeitsstörung fördern.

Von größter Bedeutung für ein Kind ist die frühe, primäre Bindung zu einer Bezugsperson.

Wir alle werden als Narzissten geboren. Ein Baby, obwohl es Menschen und seine Umgebung wahrnimmt, ist das Zentrum, um das sich alles dreht. Es nimmt keinerlei Bedürfnisse anderer wahr, nur die eigenen und fordert diese massiv ein. Dass das sinnvoll und maßgeblich für uns Menschen ist, steht außer Frage. Ein Kind hat keinerlei Möglichkeit, sich um sich selbst zu kümmern und ist angewiesen auf den natürlichen Instinkt, auf sich aufmerksam zu machen und im Mittelpunkt zu stehen. Wächst das Kind in einer gesunden, natürlichen, liebenden Umgebung auf, wird es verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen, die ihn aus diesem gesunden, hilfreichen Narzissmus herausheben.

Oftmals hört oder liest man, dass Kinder zu Narzissten werden, wenn die Eltern sie zu sehr verwöhnen und verhätscheln. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Um diese Dynamik zu verstehen, sollte man ein bisschen tiefer schauen.

In den ersten drei Jahren ist es unmöglich, ein Kind zu verhätscheln. Es kann nicht zu sehr geliebt werden. Das Verhalten von Kindern dieses Alters ist auf natürliche Weise egozentrisch und selbstgerichtet. Erst zwischen 3 und 6 Jahren erreichen Kinder das “Vernunftalter” und entwickeln die Fähigkeit, Situationen aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, somit auch sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Während des gesamten Heranwachsens, also schon von Geburt an ist es für eine gesunde Entwicklung absolut notwendig, dass für ein Kind eine enge Bindung zum primären Ansprechpartner besteht.undefined
Ist eine Mutter aus welchen Gründen auch immer (Krankheit, familiäre Situation o.a.) nicht in der Lage, auf die emotionalen Bedürfnisse ihres Kleinkindes ausreichend einzugehen, kann sich dies negativ auf die Entwicklung auswirken. (Dies kommt häufig bei Müttern vor, die selbst unter einer Persönlichkeitsstörung leiden.)
Ein Kind, welches nicht lernt, seine eigenen Gefühle zu bestimmen, sondern diese ausschließlich extern erfährt, kann, wenn entsprechende andere Umstände hinzukommen, gefährdet sein, im späteren Leben eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zu entwickeln. Hier kommen die vorher genannten Aspekte „Überbehüten“ und „Verhätscheln“ ins Spiel. Ein Kind, welches von seiner Bezugsperson umgarnt wird und nicht die Fähigkeit entwickeln kann, eine eigene Persönlichkeit zu bilden, hat gute Voraussetzungen für eine PS. Die Mutter (oder jede andere primäre Bezugsperson) kann durch übermäßig beschützendes Verhalten verleitet sein, einem Kind seine eigenen Erfahrungen und Emotionen vorzuenthalten. Emotionen werden nicht vom Kind gesteuert, sondern auf es projiziert, vernachlässigt oder entmutigt.
Ein Kind, das zu behütet aufwächst, und dem nicht erlaubt wird, seine eigenen Emotionen auszuleben und das (aus welchen Gründen auch immer) keine intensive Bindung in den ersten 4-6 Jahren erleben konnte, wird stärker gefährdet sein, eine NPS zu entwickeln. Die Bindung spielt hierbei eine entscheidende Rolle. In beiden Fällen, dem des verhätschelten und dem des ignorierten Kindes fehlt eine wichtige Zuwendung, die sich in Augenkontakt, Körperkontakt, Interesse, Spiegelung der Reaktionen des Kindes usw. manifestiert. Die Unmöglichkeit, ein gesundes Selbst aufzubauen, kann Kinder dazu verleiten, ein “Superman-Ich” zu kreieren. Dies kann verstärkt dann passieren, wenn das Kind zum einen das Gefühl hat, schwach zu sein, keine Kontrolle zu haben, keine Aufmerksamkeit zu bekommen, sich nicht wehren zu können etc. oder zum anderen, wenn ihm permanent seine Grandiosität, Genialität, Brillanz usw. bestätigt wird, ohne dass auf Schwächen, Unsicherheiten, Ängste usw. sinnvoll eingegangen wird. In beiden Fällen hat das Kind zu wenig Aufmerksamkeit erfahren, auch wenn es im zweiten Fall nach dem Gegenteil aussieht.

Diese mangelnde Aufmerksamkeit kann im Rahmen einer dysfunktionalen Familie, in Zusammenhang mit Missbrauch, kann jedoch auch in nach außen hin gesunden Familien geschehen. Wie schon erwähnt, können Krankheiten, Unglücke, schwierige familiäre Situationen wie Scheidung, Verlust der Arbeit und vieles mehr eine Ursache für mangelnde Bindung sein.

Die „Superman-Persönlichkeit”

Kinder erschaffen sich bis ins Vernunftsalter (ca. 6. Lebensjahr) und manchmal darüber hinaus, Alter Egos, starke Charaktere, die sie spielen und mit denen sie sich identifizieren. Dies verliert sich jedoch mit zunehmendem Alter und das Kind beginnt, ein ehrlicheres, authentischeres Selbstbild zu entwickeln.
Ein Kind, das sich minderwertig, klein und schwach fühlt (sei es, weil es nie genügend emotionale Aufmerksamkeit und Bestätigung erfahren hat, oder weil es tief im Inneren die ihm zugeschriebene Grandiosität nicht zu erfüllen glaubt), wird eher versucht sein, die von ihm erschaffene “Superman-Persönlichkeit” beizubehalten.
Es kann sich nun ein Kreislauf bilden. Ein Kind, das die (von ihm gewünschte, im Spiel entstandene) überhöhte, grandiose Persönlichkeit auslebt, wird sich oft genau dementsprechend verhalten. Es wird hohe Anforderungen an seine Umgebung stellen, sich für etwas Besseres halten und sich möglicherweise unfair oder überheblich gegenüber anderen aufführen. Das Gefühl, sich gemein oder sogar böse verhalten zu haben, ist für das Kind nun schwierig einzugestehen. Jemand, der so großartig ist, kann nichts Falsches tun. Es bestärkt durch diese Verleugnung die erschaffene “Superman-Figur” und endet in einem Kreislauf, der je länger er sich fortsetzt, umso schwieriger zu durchbrechen ist.
Je mehr Schlechtes, Böses oder Gemeines jemand tut, je egozentrischer, egoistischer und anspruchsvoller er sich verhält, desto schmerzhafter wird es für ihn sich dessen bewusst zu sein. Die anderen müssen schuld sein, das Problem liegt bei seinem Gegenüber oder in der Umgebung. Er ist perfekt und kann nichts falsch gemacht haben. Niemand möchte freiwillig böse sein. Negatives Verhalten fördert in diesem Sinne die narzisstische Persönlichkeitsstruktur.

Einmal in diesem Kreislauf gefangen, ist es wahrscheinlich, dass das Verhalten über die Jahre hin narzisstischer wird und sich eine „falsche“, jedoch starke Persönlichkeit bildet, die praktisch blind für die eigenen Aktionen, Verantwortungen und ganz besonders für Mitmenschen wird.